Materieller Schaden durch Werbe-Tracking möglich?

Hallo!
Ich lese hier schon einige Zeit mit und staune immer wieder, was für ein enormer zeitlicher und materieller Aufwand getrieben wird, um das Surfen im Internet möglichst werbefrei und anonym zu ermöglichen. Das ist oft wesentlich mehr als selbst ein einigermassen engagierter und informierter Durchschnitts-User zu leisten vermag.
Was die Werbung betrifft sehe ich ja den direkten erlebbaren Nutzen selbst und habe durchaus auch einige Erfahrung mit diversen Werbeblockern und Cookies-Managern.

Aber wie ist es mit dem berüchtigten Tracking? Also jene Dinge, die im Hintergrund unsichtbar ablaufen.
Dazu hätte ich mal eine ganz konkrete Frage:
Gibt es reelle und justiziable Beispiele, in denen eine Person nachweisbar durch kommerzielles Werbe-Tracking beim Surfen materiell geschädigt wurde?

Dabei soll es ausdrücklich nur um das Sammeln von Daten im Hintergrund gehen und nicht um Fälle, in denen ein User durch aktive Mithilfe irgendwelche Daten „herausposaunt“ hat. Auch geht es mir nicht um „unangenehme Gefühle“ und Befindlichkeiten.
Nur Fakten interessieren mich in diesem Fall. Auch Tracking durch staatliche Organe oder durch irgendwelche Malware ist hier nicht gemeint.

Bin gespannt auf eure Reaktionen!

Nun ja, das Tracking selbst stellt erst einmal ja keinen Schaden ansich dar. Es hängt dann eben davon ab wer und zu welchem Zweck die gesammelten Daten auswertet und verwendet.

Werbung ist das grundsätzlich offensichtliche. Werbeauftraggeber nutzen Zielgruppen zu Platzierung ihrer Botschaften.

Wirkt dieses?

Nun ja, die Berichte über den ersten Trump-Wahlerfolg zeigten auf, dass die Manipulation der Wählerschichten durch zielgruppengerichtete Wahlwerbung, die sich in Ihren Aussagen bei unterschiedlichen Gruppen unterschieden wohl durchaus eine messbare Relevanz gehabt hat.

Auch der Einsatz von durch Tracking gesammelte Informationen z. B. zum Einkommenkategorisierung um Shop-Besuchern unterschiedlich priorisierte Suchergebnisse zu priorisieren kann zu höheren Ausgaben als nötig führen - was aber wohl nicht justiziabel wäre. Wenn jedoch Produkte gar nicht mehr oder unbezahlbar angeboten werden, dann dürfte es irgendwann auch rechtlich problematisch werden.

Ich denke das Beste Beispiel für einen persönlichen Schaden sind die ich meine in Australien bei Facebook Zielgruppen öffentlich gewordenen Kategorien im Stil von „psychisch labile Jugendliche mit Haushaltseinkommen der Region x“ wo denke ich ziemlich schnell auch justiziable Gesetze verletzt werden könnten.

Das Problem wird aber immer der Nachweis für den Geschädigten sein. Was eher offensichtlich werden kann ist der Schaden für die Gesellschaft, auf die dann politisch durch entsprechende Gesetzesänderungen oder eben Staatsanwaltlich / gerichtlich reagiert werden muss.

Leider handelt es sich dabei fast immer um „aktive Mithilfe“, nämlich durch das Akzeptieren entsprechender AGB bei der Nutzung entsprechender Dienste.

Ich bin kein Jurist, aber es gibt auch immateriellen Schaden, zum Beispiel bei Verstößen gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Entsprechend gibt es auch Gerichtsurteile, nach denen für geleakte persönliche Daten Schadenersatz zugesprochen wurde. Wenn z.B. Facebook hintenrum etwas leakt, sind sie schadenersatzpflichtig, nicht aber beim Werbetracking, in das alle eingewilligt haben, die dort einen Account besitzen (es sei denn, sie sind zahlende Kunden und kaufen sich von personalierter Werbung frei).

Möchte mal wissen, wieviel Promille der Nutzer von Meta-Services solche Bezahlverträge abgeschlossen haben. Vermutlich ist das eher ein Feigenblatt fürs Datensammeln und die boomende Werbeindustrie, die Google, Meta und TikTok sagenhafte Umsätze beschert.

…was wir also alle sowieso mit unseren Supermarkt-Einkäufen, Versicherungsprämien, Bankgebühren usw. usf. mitbezahlen, genau so wie beim werbefinanzierten unverschlüsselten Privatfernsehen a la RTL & Co.

Belastungen und Beeinträchtigungen entstehen dadurch für den Internetbenutzer imho folgende:

  1. die Belästigung,
  2. das Datentransfer Volumen,
  3. der Zeitverlust durch Übertragung und Processing im Browser,
  4. der durch Punkt 3 verursachte erhöhte Stromverbrauch der CPU, was eine kürzere Akkulaufzeit mobiler Geräte bewirkt.

Alle vier Punkte verursachen Leiden beim Benutzer, Punkt 2 kann zusätzlich auch echt Geld kosten, Punkt 3 tut das sogar ganz sicher, denn Zeit ist bekanntlich Geld.

Fällt denn per „normales“ kommerzielles Werbetracking gesammelte Profilierung, die dann aber staatlich gekauft wird um Personen zu überwachen und ggf. irgendeiner Behandlung, z.B. einer Abschiebung, zuzuführen, in den Bereich Deiner Frage?

s. z.B. https://netzpolitik.org/2026/angebot-an-lvmh-gefaehrliches-ueberwachungs-werkzeug-breitet-sich-aus/

Nein, tut es nicht. Begründung:
Wenn sich die „allmächtige“ Staatsmacht ernsthaft und mit Hilfe der vereinten globalen Tracking-Mafia mit meiner Person beschäftigt, würden mir wohl auch ein paar Werbeblocker, Cookie-Killer und VPNs nicht allzu viel helfen.

Ich habe mir deinen Link angesehen. Wie immer bei diesem Thema: sehr viele Konjunktive und wenig erhärtete Fakten. Und dann ganz unten beim Kontakt-Formular: „Meinen Namen und meine E-Mail-Adresse in diesem Browser für die nächste Kommentierung speichern.“ Ich werf’ mich weg!

Dann habe ich dort noch 6 Tipps zur Vermeidung von Werbe-Tracking gefunden. Die habe ich schon längst umgesetzt. Resultat bei amiunique.org: You are unique!

Ausserdem bezieht sich die ganze Geschichte primär auf den Smartphone-Gebrauch. Mir geht es aber eigentlich vor allem um den Einsatz von Desktop-Browsern. Hätte ich vielleicht präzisieren sollen.

Äh - ja, danke schön!
Also:

Nachdem mir hier auch die Spezialisten keine konkreten Gründe für eine messbare Beeinträchtigung durch exzessives Tracking nennen konnten, werde ich es wohl bei den üblichen Massnahmen wie Werbeblocker und Coockie-Killer etc., sowie allgemeinem Misstrauen bewenden lassen.

Für die dadurch frei werdende Rest-Lebenszeit wird mir bestimmt etwas einfallen …

Vielen Dank für’s Mitdenken.

Ich denke, es gibt einen Hauptgrund, warum du bislang vergleichsweise wenige Antworten auf deine Frage zu konkreten, justiziabelen Fällen erhalten hast. Es gibt recht wenige Fälle, bei denen alle geforderten Aspekte dokumentiert sind.

Es muss für deine geforderten Kriterien folgendes gegeben sein:

  1. Das Wissen, dass man einen finanziellen Schaden erlitten hat und das
  2. aufgrund von Daten passiert ist, die
  3. unrechtmäßig und
  4. ohne Mitwirken
  5. beim surfen gegen die Person verwendet wurden.
  6. Die Möglichkeit das zu Beweisen
  7. die rechtliche Möglichkeit (Kosten, Zeit, Stress) das vor Gericht durchzusetzen und
  8. einen abschließende gerichtliche Entscheidung bis im Jahr 2026 bei teilweise langwierigen Verfahren erwirkt zu haben, über das dann von z.B. Medien öffentlich berichtet wird.

Welche Informationen sich durch Tracking sammeln lassen und wer auf welchem Weg an diese Informationen gelangt, ist ebenso vielfältig wie die Möglichkeiten, die Daten anschließend zu verwenden. Einen konkreten Nachteil oder dessen Ursache auf Tracking zurückzuführen und nachzuweisen ist ohne Insiderinformationen daher sehr aufwändig bis unmöglich. Zudem können Daten die gesammelt wurden auch nicht nur beim Surfen nachteilig verwendet werden.

Es fehlt oftmals einfach ein Teil deiner Anforderungen:

Beispiel: Der Versuch rauszufinden geschweige nachzuweisen, dass eine Bewerbung für einen Job abgelehnt wurde, weil illegalerweise Gesundheitsdaten zur Krebsdiagnose durch Werbetracking gesammelt und an den Arbeitgeber verkauft wurden dürfte recht schwierig werden.

Zweites Beispiel: Es ist zwar bekannt dass Daten gesammelt oder verkauft werden, aber nicht inwieweit diese Daten im Einzelnen dann verwendet wurden. Beispielsweise ist zwar bekannt, dass Daten einer App für Muslime an das US Militär verkauft und für die Unterstützung von Spezialeinheiten im Ausland genutzt wurden. Aber ist damit nun für jemanden ein konkreter finanzieller Schaden entstanden? Diese Information gibt es dazu nicht.

Daher ist man oftmals auf die Vorstellungskraft angewiesen was mit Daten potentiell gemacht werden kann. Zudem ist der Missbrauch auch nicht zeitlich beschränkt sondern kann zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft noch stattfinden. Dabei fallen dann Formulierungen wie „könnte“, „möglicherweise“ und „ist möglich“ und sind nicht wie gewünscht nachgewiesen.

Des weiteren stellt sich die Frage, ab wann man von einem finanziellen Schaden ausgehst. Ist es schon ein Schaden, wenn jemand aufgrund eines „unangenehmen Gefühls", etwa weil Naktbilder von einem verbreitet wurden (hier und hier) ein paar Drinks in der Bar um die Ecke mit Freunden trinkt, um darüber zu reden. Ist es ein finanzieller Schaden wenn man in den nächsten Tagen Medikamente wie Schlafmittel kauft, um besser einschlafen zu können? Ist es ein finanzieller Schaden wenn man mehrere Stunden therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt?
Oder ist ein finanzieller Schaden nur bei einem direkten unmittelbaren Vermögensschaden vorhanden, der durch den Dritten direkt verursacht wurde?

Meiner Meinung nach ergibt es keinen Sinn sich bei der Betrachtung von Tracking auf rein direkte finanzielle Schäden zu begrenzen. Denn auch ein „unangenehmes Gefühl“ zu überwinden kann etwas kosten, auch wenn es in der Realität schwer ist den genaue finanziellen Aufwand zu beziffern und nachzuweisen.
Unabhängig davon ist der Mensch kein finanzielles Wesen und auch Schäden außerhalb des monetären Bereichs können real und relevant sein.

Auch Tracking für z. B. A/B-Testing, mit denen Plattformen wie Facebook gezielt darauf optimiert werden, Kinder in eine Abhängigkeit zu treiben, wären erstmal kein direkter finanzieller Schaden. Dennoch sehe ich es als relevant an. Daher denke ich, dass der Fokus auf direkten materiellen Schaden im Rahmen von Tracking zu eng gefasst ist. Denn ein relevanter Aspekt von Tracking ist, dass es die Basis ist, um Gruppen oder ganzen Gesellschaften zu vermessen und zu beeinflussen (Stichwort „Dark Patterns“ oder „Shadow banning“). Der individuelle Schaden mag dabei gering sein, der kumulierte gesellschaftliche ist es nicht.

Hier aber nun noch zwei Beispiel, die ich mit deinen Anforderungen gefunden habe:

Wenn es auch Fälle sein dürfen die nicht umbedingt justiziabel sind, aber mit einem offensichtlichen direkten (finanziellen) Schaden für Individuen:

Aber am Ende gilt: Du musst das Risiko von Tracking für dich einschätzen. Für Personen des öffentlichen Lebens oder Entscheider können Tracking-Daten zum Erpressungsrisiko werden. Auch als z.B. Soldat oder Informant können solche Daten eine ganz andere Auswirkung haben. Es hängt also auch von der Position in der Gesellschaft ab und welche Möglichkeiten einem zum Schutz zur Verfügung stehen. Es kann also sein, dass du für dich, mit deinen getroffenen Maßnahmen ein ausreichendes Schutzniveau erreicht hast. Andere Leute haben möglicherweise ein höheres Schutzbedürfnis, eine andere gesellschaftliche Position oder einfach Spaß daran ihren Schutz immer weiter zu verbessern und nehmen daher einen so hohen zeitlichen und materiellen Aufwand in Kauf.