Ich denke, es gibt einen Hauptgrund, warum du bislang vergleichsweise wenige Antworten auf deine Frage zu konkreten, justiziabelen Fällen erhalten hast. Es gibt recht wenige Fälle, bei denen alle geforderten Aspekte dokumentiert sind.
Es muss für deine geforderten Kriterien folgendes gegeben sein:
- Das Wissen, dass man einen finanziellen Schaden erlitten hat und das
- aufgrund von Daten passiert ist, die
- unrechtmäßig und
- ohne Mitwirken
- beim surfen gegen die Person verwendet wurden.
- Die Möglichkeit das zu Beweisen
- die rechtliche Möglichkeit (Kosten, Zeit, Stress) das vor Gericht durchzusetzen und
- einen abschließende gerichtliche Entscheidung bis im Jahr 2026 bei teilweise langwierigen Verfahren erwirkt zu haben, über das dann von z.B. Medien öffentlich berichtet wird.
Welche Informationen sich durch Tracking sammeln lassen und wer auf welchem Weg an diese Informationen gelangt, ist ebenso vielfältig wie die Möglichkeiten, die Daten anschließend zu verwenden. Einen konkreten Nachteil oder dessen Ursache auf Tracking zurückzuführen und nachzuweisen ist ohne Insiderinformationen daher sehr aufwändig bis unmöglich. Zudem können Daten die gesammelt wurden auch nicht nur beim Surfen nachteilig verwendet werden.
Es fehlt oftmals einfach ein Teil deiner Anforderungen:
Beispiel: Der Versuch rauszufinden geschweige nachzuweisen, dass eine Bewerbung für einen Job abgelehnt wurde, weil illegalerweise Gesundheitsdaten zur Krebsdiagnose durch Werbetracking gesammelt und an den Arbeitgeber verkauft wurden dürfte recht schwierig werden.
Zweites Beispiel: Es ist zwar bekannt dass Daten gesammelt oder verkauft werden, aber nicht inwieweit diese Daten im Einzelnen dann verwendet wurden. Beispielsweise ist zwar bekannt, dass Daten einer App für Muslime an das US Militär verkauft und für die Unterstützung von Spezialeinheiten im Ausland genutzt wurden. Aber ist damit nun für jemanden ein konkreter finanzieller Schaden entstanden? Diese Information gibt es dazu nicht.
Daher ist man oftmals auf die Vorstellungskraft angewiesen was mit Daten potentiell gemacht werden kann. Zudem ist der Missbrauch auch nicht zeitlich beschränkt sondern kann zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft noch stattfinden. Dabei fallen dann Formulierungen wie „könnte“, „möglicherweise“ und „ist möglich“ und sind nicht wie gewünscht nachgewiesen.
Des weiteren stellt sich die Frage, ab wann man von einem finanziellen Schaden ausgehst. Ist es schon ein Schaden, wenn jemand aufgrund eines „unangenehmen Gefühls", etwa weil Naktbilder von einem verbreitet wurden (hier und hier) ein paar Drinks in der Bar um die Ecke mit Freunden trinkt, um darüber zu reden. Ist es ein finanzieller Schaden wenn man in den nächsten Tagen Medikamente wie Schlafmittel kauft, um besser einschlafen zu können? Ist es ein finanzieller Schaden wenn man mehrere Stunden therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt?
Oder ist ein finanzieller Schaden nur bei einem direkten unmittelbaren Vermögensschaden vorhanden, der durch den Dritten direkt verursacht wurde?
Meiner Meinung nach ergibt es keinen Sinn sich bei der Betrachtung von Tracking auf rein direkte finanzielle Schäden zu begrenzen. Denn auch ein „unangenehmes Gefühl“ zu überwinden kann etwas kosten, auch wenn es in der Realität schwer ist den genaue finanziellen Aufwand zu beziffern und nachzuweisen.
Unabhängig davon ist der Mensch kein finanzielles Wesen und auch Schäden außerhalb des monetären Bereichs können real und relevant sein.
Auch Tracking für z. B. A/B-Testing, mit denen Plattformen wie Facebook gezielt darauf optimiert werden, Kinder in eine Abhängigkeit zu treiben, wären erstmal kein direkter finanzieller Schaden. Dennoch sehe ich es als relevant an. Daher denke ich, dass der Fokus auf direkten materiellen Schaden im Rahmen von Tracking zu eng gefasst ist. Denn ein relevanter Aspekt von Tracking ist, dass es die Basis ist, um Gruppen oder ganzen Gesellschaften zu vermessen und zu beeinflussen (Stichwort „Dark Patterns“ oder „Shadow banning“). Der individuelle Schaden mag dabei gering sein, der kumulierte gesellschaftliche ist es nicht.
Hier aber nun noch zwei Beispiel, die ich mit deinen Anforderungen gefunden habe:
Wenn es auch Fälle sein dürfen die nicht umbedingt justiziabel sind, aber mit einem offensichtlichen direkten (finanziellen) Schaden für Individuen:
Aber am Ende gilt: Du musst das Risiko von Tracking für dich einschätzen. Für Personen des öffentlichen Lebens oder Entscheider können Tracking-Daten zum Erpressungsrisiko werden. Auch als z.B. Soldat oder Informant können solche Daten eine ganz andere Auswirkung haben. Es hängt also auch von der Position in der Gesellschaft ab und welche Möglichkeiten einem zum Schutz zur Verfügung stehen. Es kann also sein, dass du für dich, mit deinen getroffenen Maßnahmen ein ausreichendes Schutzniveau erreicht hast. Andere Leute haben möglicherweise ein höheres Schutzbedürfnis, eine andere gesellschaftliche Position oder einfach Spaß daran ihren Schutz immer weiter zu verbessern und nehmen daher einen so hohen zeitlichen und materiellen Aufwand in Kauf.