Da ich mich mit diesem gleichen Thema zurzeit auch beschäftige, möchte ich ausführlich eine Antwort abgeben.
Die Frage „Kann man den Produkten von Proton vertrauen?“ greift zu kurz, weil sie die unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen und technischen Konzepte der einzelnen Dienste nicht berücksichtigt. Proton bietet verschiedene Produkte an, darunter Proton Mail und Proton VPN, die unterschiedlichen rechtlichen Anforderungen unterliegen.
1. Proton Mail und der Fall des Aktivisten
Proton Mail unterliegt den Gesetzen der Schweiz, insbesondere dem BÜPF (Bundesgesetz betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs). Im Jahr 2021 wurde Proton Mail gesetzlich verpflichtet, auf Anfrage der Schweizer Behörden die IP-Adresse eines Aktivisten zu loggen. Diese Anordnung erfolgte im Rahmen eines internationalen Rechtshilfeersuchens (MLAT) von Frankreich. Wichtig zu betonen:
- Proton Mail speichert standardmäßig keine IP-Adressen. Die Herausgabe war nur möglich, weil Proton Mail gezwungen wurde, ab dem Zeitpunkt der behördlichen Anordnung mit dem Logging zu beginnen. Daten aus der Vergangenheit konnten nicht geliefert werden, da sie schlicht nicht existierten.
- Proton hat offen kommuniziert, dass sie aufgrund der Schweizer Gesetzgebung in solchen Fällen kooperieren müssen. Es ist kein systematisches Problem von Proton, sondern eine Frage der gesetzlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz.
2. Proton VPN: Ein anderer rechtlicher Rahmen
Im Gegensatz zu Proton Mail unterliegt Proton VPN nicht den gleichen Gesetzen. VPN-Dienste fallen in der Schweiz nicht unter das BÜPF. Proton VPN betont klar, dass sie eine No-Log-Policy verfolgen, d. h. sie speichern weder IP-Adressen noch Verbindungsdaten. Selbst wenn eine behördliche Anfrage eingeht, gibt es keine Daten, die herausgegeben werden könnten. Sie können gesetzlich nicht dazu gezwungen werden, Daten zu loggen.
Warum ist das glaubwürdig?
- Würde Proton VPN entgegen ihrer Policy Daten sammeln, wäre das nicht nur ein massiver Vertrauensbruch, sondern würde den Ruf und das Geschäftsmodell von Proton komplett zerstören. Nutzer von VPN-Diensten wählen Anbieter wie Proton gerade wegen der strengen Datenschutzversprechen. Ein Verstoß gegen diese Prinzipien würde das Ende für Proton VPN bedeuten – ein Risiko, das sie sicher nicht eingehen würden.
3. Vergleich zu deutschen Anbietern wie Posteo
Ein fairer Vergleich zeigt, dass auch andere datenschutzfreundliche Anbieter wie Posteo gesetzlichen Verpflichtungen unterliegen, allerdings in einem anderen rechtlichen Kontext:
- Posteo betont, dass sie nicht dem Telekommunikationsgesetz (TKG) unterliegen, weil sie kein klassischer Telekommunikationsanbieter sind. Das gibt ihnen mehr Spielraum, keine Verbindungsdaten oder IP-Adressen zu speichern. Das heißt, selbst wenn eine Anfrage kommt, gibt es keine Daten, die herausgegeben werden könnten.
- Allerdings gilt auch für Posteo: Wenn ein Gerichtsbeschluss sie verpflichten würde, zukünftige Daten zu loggen, könnten sie gezwungen sein, dies zu tun – ähnlich wie bei Proton Mail.
Der entscheidende Punkt ist, dass sowohl Proton als auch Posteo ihre Dienste so gestalten, dass sie standardmäßig keine sensiblen Daten speichern, was die Privatsphäre ihrer Nutzer maximiert.
4. Zusammenfassung
Die Frage, ob man Proton vertrauen kann, ist weniger eine Frage des Willens des Unternehmens, sondern vielmehr der rechtlichen Rahmenbedingungen:
- Proton Mail: Unterliegt der Schweizer Gesetzgebung und kann gezwungen werden, IP-Adressen ab einem bestimmten Zeitpunkt zu loggen. Daten aus der Vergangenheit werden jedoch nicht gespeichert.
- Proton VPN: Unterliegt nicht den gleichen Überwachungsgesetzen und speichert keinerlei Verbindungsdaten. Selbst bei behördlichem Druck könnten sie keine Daten herausgeben.
- Posteo (zum Vergleich): Unterliegt anderen deutschen Gesetzen und speichert ebenfalls keine Verbindungsdaten. Auch sie könnten theoretisch gezwungen werden, zukünftig Daten zu loggen, haben aber keine Vorratsdatenspeicherung.
Die Geschichte um den Aktivisten zeigt, dass kein Anbieter völlig immun gegen staatlichen Druck ist, aber Proton hat bisher transparent gehandelt und ihre Nutzer offen über solche Vorfälle informiert. Gleichzeitig zeigt der Fall, dass Proton VPN von solchen Einschränkungen nicht betroffen ist und ein hohes Maß an Privatsphäre garantiert.
Abschließend: Kein Anbieter ist perfekt, aber Proton hat durch transparente Kommunikation und technische Maßnahmen gezeigt, dass sie Datenschutz und Privatsphäre ihrer Nutzer ernst nehmen. Vertrauen sollte immer auf einer realistischen Einschätzung der technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen basieren – und nicht auf einer idealisierten Vorstellung von absoluter Anonymität.