Vielen Dank für diese Testreihe. Mir ist klar, dass das hier ein technikfokussierter Blog ist, dennoch möchte ich anmerken, dass mir der Faktor Fairness deutlich zu kurz gerät. Musikstreaming ist ein unfassbarer legaler Raubfeldzug an den Musikern. Menschen, die jahrzehntelang ein sehr anspruchsvolles Handwerk gelernt und verfeinert (und eben nicht „ihr Hobby zum Beruf gemacht“) haben und dazu noch einen sehr hohen Aufwand zur Selbstvermarktung leisten müssen, werden mit Brotkrumen abgespeist. Für den Vergleich der Tantiemen reicht es nicht, nur auf Zahlen irgendwelcher Leute zu verweisen. Die „Kollegen“ vom Tonspion schreiben auch nur vom Onlinerechner irgendeines Menschens ab, der „auf Grundlage von echten Musikern und Informationen Dritter-Webseiten [rechnet], um einem ungefähren, durchschnittlichen Schätzwert zu bekommen“. Auch im Test wird auf die mangelhafte Aussagekraft der Fairnesskategorie hingewiesen, ich denke, sie kann eigentlich gar nicht zufriedenstellend bedient werden.
Ein weiteres Grundproblem neben dem eigentlichen Empfänger der Tantiemen (Label/Künstler) ist das Pro-Rata-Modell bei der Berechnung der Auszahlungen. Bei den meisten Streaminganbietern erhalten die Künstler eben nicht entsprechend ihrer Streamzahlen Geld sondern anhand ihrer Position innerhalb des gesamten Pools, das bedeutet, je bekannter ein Künstler, desto mehr Geld bekommt er pro Stream. Das ist völlig ungerecht und führt dazu, dass die überwältigende Mehrheit so gut wie nichts bekommt und ein paar Gewinner fast alles.
Ein Gegenmodell wäre das user centric payment -Modell, wo die Abogebühren an die Künstler gehen, die auch vom Abonnenten gehört wurden. Das wollte Tidal immer machen, hats aber nie hinbekommen, Deezer macht eine schlechte Variante davon seit einiger Zeit.
Ich bin Musikwissenschaftler und arbeite seit ~10 Jahren in der Kulturbranche. Ich habe nie jemanden gekannt, der sich für das Geld aus Streamingeinnahmen interessiert, alle betrachten das als Werbung/Social Media Plattform und hoffen auf Einnahmen aus Konzerten oder Projektförderungen.
Ich persönlich habe sämtliche Streaming-Abos gekündigt und höre nur noch Musik, die ich sorgfältig aussuche und dann bei Bandcamp, (Indie)Labels, bei Konzerten oder zur Not klassisch im Laden/Versand kaufe. Mir ist klar, dass das kein Modell für die breite Masse ist. Es ist aber meine Hoffnung, dass dieser Ansatz tatsächlich „fair“ ist. Ich gehe nicht davon aus, dass ein hochwertiges, wertvolles Produkt (quasi) gratis ist, bloß weil es digitalisierbar ist.
Wenn 100.000 Leute eine/n Künstler/in auf Tidal streamen, was für weite Teile der Musikwelt völlig illusorisch ist, kommen dabei (angeblich) 1.150€ brutto heraus. Für mehrere Musiker und Techniker etc. pp. und jahrelange Arbeit.
Streaming ist nie fair.